Urbanes Pilgern: Diakonische Orte mit anderen Augen wahrnehmen
(31.08.2026) Was macht einen Ort eigentlich zu einem diakonischen Ort? Und wo lässt sich Diakonie entdecken, wenn man nicht gezielt nach ihr sucht? Mit diesen Fragen waren die Teilnehmenden des Vertiefungsworkshops „Urbanes Pilgern“ am 26. August 2026 in Kassel unterwegs. Der Workshop fand im Rahmen des Projekts „Diakonisch und profiliert 2026“ statt, das von der Stiftung Kurhessisches Diakonissenhaus Kassel in Kooperation mit dem Forschungsinstitut für Erlebnispädagogik der Evangelischen Hochschule Hessen durchgeführt wird.
Das Bildungsformat griff Impulse aus der Tradition der Straßenexerzitien auf und übertrug sie auf die Auseinandersetzung mit diakonischem Handeln. Im Mittelpunkt stand dabei nicht das gezielte Aufsuchen bekannter diakonischer Einrichtungen. Vielmehr wurde die Stadt selbst zum Erfahrungs- und Reflexionsraum.
Die Stadt als Erfahrungsraum
Der Tag begann mit einem gemeinsamen Ankommen und Kennenlernen in den Räumen der Stiftung Kurhessisches Diakonissenhaus Kassel. Ein kurzer inhaltlicher Impuls führte anschließend in die Grundidee der Straßenexerzitien ein: unterwegs zu sein, ohne bereits zu wissen, was einem begegnen wird, und aufmerksam zu werden für Orte, Menschen und Situationen, die berühren, irritieren oder Fragen aufwerfen.
Anschließend machten sich die Teilnehmenden einzeln auf den Weg durch Kassel. Für mehrere Stunden gab es weder eine festgelegte Route noch ein bestimmtes Ziel. Sitzen, verweilen, einkehren und Umwege waren ausdrücklich erlaubt. Wegimpulse begleiteten die individuelle Erkundung: Was zieht meine Aufmerksamkeit auf sich? Was irritiert mich? Wo entdecke ich mitten im alltäglichen Leben Spuren diakonischen Handelns?
Gerade das Unterwegssein ohne festes Ziel erwies sich dabei als wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses. Statt die Stadt unter funktionalen Gesichtspunkten zu durchqueren, waren die Teilnehmenden eingeladen, genauer hinzusehen, wahrzunehmen und zunächst einmal offen zu lassen, was eine Beobachtung für sie bedeuten könnte.
Diakonisches Handeln neu entdecken
In der anschließenden gemeinsamen Reflexion wurde deutlich, wie ungewohnt und zugleich wertvoll es sein kann, sich im Alltag bewusst Zeit für Wahrnehmung zu nehmen: nicht unmittelbar einzuordnen oder zu handeln, sondern zunächst aufmerksam für das zu werden, was da ist.
Damit öffnete sich auch die Frage nach „diakonischen Orten“ neu. Diakonie zeigte sich nicht nur dort, wo Einrichtungen oder Angebote ausdrücklich als diakonisch gekennzeichnet sind. Sie wurde ebenso dort wahrnehmbar, wo Menschen einander zuhören, einander verstehen wollen oder Räume entstehen, in denen Würde, Mitmenschlichkeit und Solidarität erfahrbar werden.
Gleichzeitig gehörten Irritationen und Brüche zu den Erfahrungen des Tages: raue Töne im öffentlichen Raum, verschlossene Kirchen oder Situationen, in denen Zugewandtheit und Hoffnung gerade nicht sichtbar wurden. Auch diese Beobachtungen wurden zum Ausgangspunkt für die Frage, was diakonisches Handeln heute auszeichnet und welche Haltung es im beruflichen und gesellschaftlichen Alltag braucht.
Erfahrungsorientierte Bildungsarbeit mitten im Alltag
Das urbane Pilgern machte damit exemplarisch sichtbar, wie erfahrungsorientierte Bildungsarbeit persönliche Wahrnehmung, fachliche Reflexion und die Auseinandersetzung mit diakonischen Werten miteinander verbinden kann. Der Stadtraum wurde zu einem Lernort, an dem diakonisches Profil nicht abstrakt diskutiert, sondern im konkreten Alltag gesucht, hinterfragt und neu entdeckt werden konnte.
Prof. Dr. Germo Zimmermann, Leiter des Forschungsinstituts für Erlebnispädagogik der Evangelischen Hochschule Hessen, sieht darin eine besondere Stärke des Formats: „Urbanes Pilgern verändert für eine Zeit lang die gewohnte Perspektive auf den eigenen Alltag. Wer ohne festgelegtes Ziel unterwegs ist und sich auf genaues Wahrnehmen einlässt, entdeckt Fragen, Begegnungen und Orte, die sonst leicht übersehen werden. Gerade darin liegt für die diakonische Bildungsarbeit eine große Chance: Werte werden nicht nur besprochen, sondern in konkreten Erfahrungen entdeckt, reflektiert und mit dem eigenen beruflichen Handeln verbunden.“
Über das Projekt
Das Projekt „Diakonisch und profiliert 2026“ unterstützt die diakonische Profilbildung von Mitarbeitenden der Mitgliedseinrichtungen der Arbeitsgemeinschaft Diakonischer Dienste (AGDD) in der Region Kassel. Ziel ist es, Mitarbeitende dabei zu begleiten, die Grundlagen und Werte diakonischen Handelns zu entdecken, zu reflektieren und im beruflichen Alltag bewusst zu gestalten. Das Projekt wird durch die Diakonie Hessen gefördert.
Hochschulkooperation mit der HfH Zürich unterstützt Stottertherapie
StotterChamp: Erlebnispädagogik und Stottertherapie im Zusammenspiel
(22.07.2026) Das Forschungsinstitut für Erlebnispädagogik der Evangelischen Hochschule Hessen kooperiert weiterhin mit der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich im Rahmen des StotterChamps. Das Therapiecamp richtet sich an stotternde Jugendliche und verbindet sprachtherapeutische Angebote mit erlebnispädagogischen Aktivitäten. Fachlich knüpft das Konzept unter anderem an den Non-Avoidance-Ansatz der Stottertherapie an, der mit der Leitidee „Nicht vermeiden – Stottern zeigen“ verbunden ist. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die Veränderung des Sprechens, sondern auch die Auseinandersetzung mit Angst, Vermeidungsverhalten, Selbstbild und sozialer Teilhabe. Jugendliche werden ermutigt, sich in einem geschützten Gruppenkontext mit ihrem Stottern zu zeigen, eigene Symptome bewusster wahrzunehmen, neue Formen des Umgangs mit Sprechblockaden zu erproben und sprechtechnische Erfahrungen zu sammeln.
Erfahrungslernen als Brücke zwischen Therapie und Alltag
Die erlebnispädagogischen Elemente des Camps eröffnen Erfahrungsräume, in denen therapeutische Themen handlungsorientiert bearbeitet und in konkrete Situationen übersetzt werden können. Kooperationsübungen, Outdoor-Aufgaben, Bogenschießen oder herausfordernde Alltagssituationen schaffen reale Kommunikationsanlässe und ermöglichen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Gruppenzugehörigkeit und Mut. Besonders das Bogenschießen verdeutlicht die Verbindung von körperlicher Erfahrung und sprachtherapeutischer Reflexion: Atmung, Spannung, Loslassen, Technik, Konzentration und Zielorientierung lassen sich unmittelbar mit Erfahrungen beim Sprechen und Stottern in Beziehung setzen. So wird Erlebnispädagogik zu einem Transfermedium: Therapeutische Inhalte bleiben nicht im Übungsraum, sondern werden handelnd erprobt, körperlich erfahren, gemeinsam reflektiert und auf alltägliche Kommunikationssituationen bezogen. „Wir schätzen die Kooperation mit der EHH sehr. Für das Projekt mit dieser im deutschsprachigen Raum einzigartigen Kombination von Erlebnispädagogik und Sprachtherapie ist die Fachexpertise der EHH fundamental und ein prägender Erfolgsfaktor sowohl für das Therapieangebot für Jugendliche als auch für die Ausbildung der angehenden Logopäd:innen. Im Bereich des sprachtherapeutischen Bogenschießens konnten empirisch gestützte Vorgehensweisen dank der Kooperation entwickelt werden“, sagt Prof. Wolfgang Braun von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich.
Transfer erlebnispädagogischer Expertise in die Praxis
Für das Forschungsinstitut für Erlebnispädagogik ist die Kooperation mit dem StotterChamp ein Beispiel dafür, wie erlebnispädagogische Konzepte in spezialisierten pädagogisch-therapeutischen Handlungsfeldern wirksam eingebracht werden können. Im Mittelpunkt steht dabei der Transfer wissenschaftlich fundierter erlebnispädagogischer Ansätze in professionelle Praxis. Erlebnispädagogische Fachkräfte unterstützen vor Ort dabei, Aktivitäten so zu gestalten, dass sie mit sprachtherapeutischen Zielsetzungen verknüpft, pädagogisch verantwortet und anschließend reflektiert werden können. Zugleich entsteht ein Lernfeld, in dem Fachkräfte und Studierende erleben, wie Theorie, therapeutisches Handeln und Erfahrungslernen ineinandergreifen. „Ich freue mich sehr über die Zusammenarbeit der letzten Jahre mit der HfH Zürich und dem StotterChamp. Dieses Projekt zeigt eindrücklich, wie Erlebnispädagogik Jugendliche darin unterstützen kann, neue Erfahrungen mit sich selbst, mit anderen und mit dem eigenen Sprechen zu machen. Für die weitere Arbeit wünsche ich allen Beteiligten weiterhin viel Erfolg und den Jugendlichen stärkende, mutmachende Erfahrungen“, sagt Prof. Dr. Germo Zimmermann, Direktor des Forschungsinstituts für Erlebnispädagogik der Evangelischen Hochschule Hessen.
Zu den Seiten des StotterChamps der HfH Zürich